Ver­zet­te­lung, die

Allgemein Jun 03, 2017 5 Comments

Ver­zet­te­lung, die

Wortart:  Substantiv, feminin
Zerstreutheit, Unkonzentriertheit, Durcheinander, Verlust, mit Nebensächlichkeit beschäftigt, Vielfältigkeit 

1. planlos und unnütz für vielerlei Kleinigkeiten verbrauchen, mit vielerlei Unwichtigem verbringen

2. sich mit zu vielem [Nebensächlichem] beschäftigen, aufhalten und dadurch nichts richtig, ganz tun oder nicht zu dem eigentlich Wichtigen kommen (Duden Universallexikon)

Das ganze weltweite Netz lässt nicht Gutes am Verzetteln. Der Begriff ist ausnahmslos negativ besetzt. Namenhafte Unternehmen definieren in ihrem Bewertungskatalog unter dem Kriterium „Arbeitskompetenz und Leistungsfähigkeit“ die Effektivität von Mitarbeitern darin, ›dass das Handeln den Zielen entspricht und gemäß der Prioritäten durchgeführt wird (kein Verzetteln)‹.

Eine einschlägige Tageszeitung schätzt unter der Rubrik „Beruf und Chance“ die „Kernkompetenz Verzetteln“, das sogenannte Mikro-Management, als absolut karriereschädigend ein. Führungskräften die sich ständig verzetteln droht im Extremfall eine Gefängnisstrafe. Also in den U.S.A. Verzettelung führt zu Stress und verhindert effektives Produzieren.
Auf der Internetplattform „Deutsche Konjugationstabellen“ fand ich den Link: „verzetteln mit dem Konjugationstrainer üben“ und das geht so:
AKTIV mit sich im Akkusativ:

Indikativ Präsens Aktiv:

ich verzettele mich nicht
du verzettelst dich nicht
er/sie/es verzettelt sich nicht
wir verzetteln uns nicht
ihr verzettelt euch nicht
sie/Sie verzetteln sich nicht  u.s.w.

Besonders interessant fand ich den Hinweis:
›Die folgenden Formen des Perfekt II und Plusquamperfekt II kommen in der Umgangssprache vor. Ihre Benutzung wird aber nicht empfohlen.‹ Ich hatte mich nicht verzettelt gehabt…

Nun, ich bekenne, dass ich mich leidenschaftlich gern verzettele und der Meinung bin, dass ich viel zu selten dazu komme. Es macht Spaß und ist schon manchmal in wirklich Ästhetischen Erfahrungen geendet. Zettel an sich sind eine sehr, sehr praktische Erfindung. In all ihrer Vielfalt. Vom PostIt bis zur Postkarte. Seit jeher habe ich Schwierigkeiten mit der Linearität von Texten, bzw. damit, die Güte einer Arbeitsphase darin zu bemessen, wie gut ich die Dinge ›auf die Reihe‹ kriege.

Es gibt ziemlich viele Zettel in meinem Haus. Manche, einst hochgeschätzte Sammlungen, gut verpackt und für immer verschlossen an geheimen Orten, andere noch unsortiert gestapelt, wartend auf Wiederentdeckung. Wieder einige in Kartons archiviert. Notiz- und Tagebücher sind Zettelsammlungen, Fotokisten eigentlich auch.

Dieser Blog öffnet den virtuellen Kasten, auf dessen Etikett die Aufschrift: Kulturelle Bildung zu lesen ist und somit ein neues Format des Sortierens.

By the way, kommt mir gerade gelegen, dass Zettel, neben dem Stück Papier, in den Webereien einen ›bei einem Gewebe in Längsrichtung verlaufenden Garnfaden‹ (auch Kette genannt) bezeichnet. Daraus wurde das Verb anzetteln mit der Ursprungsbedeutung ›den Aufzug eines Gewebes auf dem Webstuhl einrichten‹. Ich finde, dass der Faden, der die ganze schöne Verzettelung zusammenhält bestenfalls rot sein sollte.

Eine ZettelWirtschaft stelle ich mir übrigens ziemlich gemütlich vor. Gleich um die Ecke wäre die MachBar.

fraugerhardt

Dörthe Gerhardt (Jg.1977), Förderschullehrerin mit den Schwerpunkten Inklusion und Kunst an der Richtsberg-Gesamtschule Marburg / Kulturschule des Landes Hessen. Studentin des Masterstudiengangs Kulturelle Bildung an Schulen.

5 Comments

  1. Birte Waldeck

    Also Dö, an dir ist wirklich eine Gestalterin verloren gegangen – ach, nein, sie ist ja gar nicht verloren! Sie gestaltet ja – und wie!
    Mach einfach weiter, es macht so viel Spaß, deine Beiträge aller Art zu lesen, zu sehen … 🙂

  2. Elisabeth Kolck

    Liebe Dö,
    gut, dass hier mal endlich jemand eine Lanze für das Verzetteln bricht. Ich bin dabei!
    Wo und wie kann ich Dir followen?

  3. _frank.

    Ach, Frau Gerhardt!
    Es tut einem eingefleischten Verzettler und notorischen Umstandskrämer gut, in Ihren Worten den Schimmer einer Hoffnung auf einen positiven Sinn hinter dieser Lebensweise wahrzunehmen – über das „Keiner ist unnütz, er kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen“ hinaus!
    Aber ist’s denn wahr und keine Augenwischerei? Ist die Verzettelung nicht wie das Verlaufen und Vertun nicht immer eine falsche Zettelung?
    Der Schimmer will mir wieder entschwinden…

    • _frank.

      einmal zu oft „nicht“
      – so ein Micht…

    • ….Du meinst so wie verheiraten oder verlieben? Die Hoffnung – und sei sie nur ein Schimmer – stirbt zuletzt!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.