Einmal KulturSchule, bitte!

Allgemein Jul 31, 2017 1 Comment

Jetzt krame ich mal ’n ganz altes Schätzchen hervor. Mannometer ist das lange her! Warum dieser alte Schinken?

Nun, in all dem Reflektieren und Subsumieren, Revuepassieren, Sammeln, Speichern, Archivieren zum Thema Kulturelle Bildung, lässt sich an diesem kleinen Video ganz gut zeigen, wie wir an der Richtsbergschule arbeiten, was wir unter Kultureller Bildung verstehen und was die KulturSchule (ersteinmal als Label des Landes Hessens), mit all dem zu tun hat.

Also. Es war einmal…

…eine Spanischlehrerin – Chilenin mit total süßem Akzent und dazugehörigem Charme. Eine Förderschulkunstlehrerineierlegendewollmilchsau (kurz FöSchL) – die zu dieser Zeit mit halber Stelle an die Grundschule abgeordnet ist und den Spagat zwischen Zwergen und Pubertieren nicht so wirklich befriedigend bewältigt. Und ein Musiklehrer – mit weitreichender Erfahrung im echten Musikbusiness, nebenbei stellvertretender Schulleiter (hat da schon irgendwas mit Kulturschule am laufen, weiß nur noch keiner).

Kommt die Spanischlehrerin also eines Tages ganz aufgeregt angerannt und erzählt der FöSchL von einer Ausschreibung der spanischen Botschaft. Die hat sie gerade zufällig von einer anderen Kollegin von ganz weit weg weitergeleitet bekommen. Die Schüler*innen sollen zeigen, wie sie Spanisch lernen.  Es gibt eine tolle Reise zu gewinnen und Geld. Und das wäre für unsere Schüler*innen großartig und die lernen ja so gut, obwohl die es alle nicht so leicht haben und das muss man unbedingt zeigen und auch, dass wir sowieso so’ne super Schule sind und das weiß nämlich eigentlich keiner und das wäre eine total gute Möglichkeit, das ganze mal publik zu machen und dann noch die spanische Botschaft und die FöSchL hat sowieso gerade ein Musikvideo mit 55 Grundschüler*innen gemacht und das war ja so’n Erfolg und außerdem macht das alles auch so’n Spaß und das muss doch mal gezeigt werden! Und der Einsendeschluss ist in zwölf Tagen.

Mnjoa. Dann mal los.

Die FöSchL schreibt viele Zettel mit bedenkenswerten Gesichtspunkten, die in chronologischer Reihenfolge bearbeitet werden:

Schüler*innen mit Spanischlehrerin: 

  • Szenen ausdenken. Was soll gezeigt werden? 
  • Dann Songtext schreiben.

FöSchL:

  • Musiklehrer ansprechen. Kann der ein Playback basteln? Soll sich nach Sonne und Spanisch und Samba und cool anhören. 

Musiklehrer: 

  • Playback machen.

FöSchL: 

  • Text der Schüler*innen auf das Playback singen. Dem Musiklehrer und der Spanischlehrerin schicken. 

Spanischlehrerin: 

  • Mit den Pubertieren singen üben. 

Musiklehrer: 

  • BandSchüler*innen aus dem Jahrgang beisteuern. 

FöSchL: 

  • Schüler*innen aus dem Jahrgang beisteuern, bei denen grad gar nichts geht, außer Musikmachen und Filmdrehen und das alles am besten an der Hand und ohne kurz weggucken.
  • Termine mit Musikehrer für Tonstudio vereinbaren. 
  • Termine mit Spanischlehrerin zum Szenendrehen vereinbaren. 
  • Die Kolleg*innen informieren, mit denen die FöSchL eigentlich gemeinsam unterrichten würde.
  • Freistellungen einholen. Oh Schreck, die Spanischstunden reichen nicht! 
  • Freistellungen also auch für Schüler und miteinbeziehen des Landwirtschaftsprojektes. Vokabeln mit auf die Bauernhof-Exkusion nehmen. 
  • Videokamera besorgen. 
  • Szenen drehen.

Musiklehrer: 

  • Aufnahmen im Studio machen und bearbeiten. 
  • An FöSchL schicken.
  • FöSchL: Filmmaterial sichten (78 Minuten!) und Szenen zurechtschneiden. 

Spanischlehrerin: 

  • Wettbewerbsunterlagen zusammenstellen, Antragstext formulieren und auf die Post.

So ungefähr lief das ab. Alles in allem ein ziemliches Chaos. Viele, viele Absprachen, zwischen Tür und Angel, ein paar Eskalationen mit anschließendem Klärungsbedarf (#ADHSmalzwei #hellblaueLackfarbe #frischweißgestricheneWandimJahrgangscluster #Lehreringeradewoandersamfilmen). Nebenbei ist der Computer der FöSchL über die Wupper gegangen. Zum Glück kommt schnell ein neuer. Und da ist dann auch das neue iMovie drauf.

All das parallel zum ganz normalen Wahnsinn des Schulalltags einer Integrierten Gesamtschule.
Obendrauf, nebenher, unter der Hand…

Was bleibt davon? Hat sich das gelohnt? Warum so’n Uffriss? 

Fest steht: Am Ende fragt eigentlich kaum noch jemand, ob wir das Dingen gewonnen haben. (Haben wir übrigens nicht. Es gab eine Ehrennennung samt Urkunde, die jetzt mit vielen anderen die Wand vor dem Sekretariat verziert.) Die Kids sind Happy und posten das Video einmal um die halbe Welt, wollen das jedes Jahr wieder anschauen. Die meisten haben jetzt Abi gemacht und wenn wir uns zufällig irgendwo treffen und ins reden kommen, kommt irgendwann diese Aktion in der Siebten zur Sprache. Mit all dem Drum und Dran.

Einmal haben wir in einer Gesamtkonferenz die vielen kleinen und größeren Projekte zusammengetragen, die während eines Schuljahres an der RGS ähnlich verlaufen. Wir kamen auf ungefähr Achzig.

Als der Stellvertretende Schulleiter dann irgendwann mit der Idee um die Ecke kommt, sich für die zweite Staffel des KulturSchulProgramms des Landes Hessen zu bewerben, haben wir alle (alle!) ja gesagt.

Aus einer Schule mit Kultur ist in den vergangenen fünf Jahren eine KulturSchule geworden, die sich, wie könnte es anders sein, immer weiter entwickelt, verändert, überdenkt und formiert. Heute haben wir eine Stelle in der Schulleitung, auf der eine fähige Lehrerin (mit abgeschlossenem M.A. Kulturelle Bildung an Schulen:) die Termine, Kooperationen und Möglichkeiten koordiniert. In jedem Jahrgangsteam wird ein*e TeamKulturSchulSprecher*in gewählt, der/die einmal im Monat an einer Konferenz zum Thema teilnimmt und die Weitergabe aller Infos in die Teams garantiert. Wir nehmen an diversen Fortbildungsformaten teil, die unsere Expertise in den Künsten voranbringt. Wir erarbeiten uns seit dem eine ordentliche Ausrüstung sächlicher Natur. Das Tonstudio ist inzwischen Schuleigentum. Geplant, beantragt und eingerichtet durch eine handvoll Kolleg*innen, die, wie man annehmen könnte, alle kein zu Hause haben. Der komplette Musikbereich, der sich dahinter verbirgt und ebenfalls sächlich so gut ausgestattet ist, dass er mit den Profis mithalten kann, wird von Schüler*innen selbstverwaltet, die wiederum durch externe professionelle Coaches begleitet werden. Apropos Film: Zum Inventar gehören neben Videokameras und iPad-Koffer auch zwei Macs, auf denen Adobe Premiere läuft. Videos werden nach Möglichkeit, von den Schüler*innen selbst bearbeitet. Wer Lust darauf hat, aber nicht weiß wie’s funktioniert und es gerne lernen möchte, der kann sich zum Halbjahr ein GTS-Angebot dazu wünschen und fest davon ausgehen, dass es auch zustande kommt. Das ist nur ein kleiner Exkurs, zu einem kleinen Projekt, der zeigt, wie es war und was daraus werden kann.

Wir veranstalten immer noch eine ganze Menge Chaos, verzetteln uns, führen hunderte von Tür-und-Angel-Gesprächen aber das ganze hat nun einen Namen, der wie eine Klammer funktioniert. Oder besser noch: ein roter Faden.

„Espanol en el Mundo“ Musikvideo zur Teilnahme am Wettbewerb der Bildungsabteilung der spanischen Botschaft / Berlin. 2012
Musik: M.Kauer / D.Gerhardt
Text: SchülerInnen des Spanischkurses Jg.7 / M.Laß
Regie & Schnitt: D.Gerhardt

fraugerhardt

Dörthe Gerhardt (Jg.1977), Förderschullehrerin mit den Schwerpunkten Inklusion und Kunst an der Richtsberg-Gesamtschule Marburg / Kulturschule des Landes Hessen. Studentin des Masterstudiengangs Kulturelle Bildung an Schulen.

One Comments

  1. Cooles Teil! Und ihr seid Kulturschule geworden. Bestimmt lag es nur am Video (I love it!). Und an den vielen Zetteln…ver…zett…wo war ich gerade…???

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